Leseprobe  
 

 

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Impressum

Texte: © Copyright by Izabelle Jardin

Postfach 1122

38166 Schöppenstedt

Izabelle.Jardin@gmx.de

 

Tag der Veröffentlichung: 25.09.2014

Bildmaterialien: © Copyright by Izabell Jardin

Titelbildgestaltung: g&i Niklas Schütte unter Verwendung von Fotomotiven von istockphoto.com

(© istockphoto.com/Nr. 20665477, mammuth; Nr. 17076344, joyt)

 

Alle Rechte vorbehalten.


Für Dich.



Das grüne Buch

Das Haus ist ganz still, ich bin allein.

Es ist einer dieser tristen Spätherbstabende, an denen ich nichts lieber tue, als mich mit einem guten Buch in meine Sofaecke zu verkrümeln, eine große Tasse meines Lieblingstees neben mir auf dem Tischchen, eine Wolldecke auf den Knien. Von draußen dringt nur das Rauschen des ergiebigen Regens herein. Das geht schon seit Tagen so. Die Erde ist satt und vollgesogen. Es könnte endlich mal aufhören! Ab und zu klopft leise ein nackter Zweig der alten Kastanie ans Fenster. Sie müsste etwas eingekürzt werden, sonst wird sie eines Tages bei Sturm noch eine Scheibe einschlagen.

Meine Finger streichen langsam über die Buchrücken im Regal. Aussuchen! Große und kleine Bücher, Ledereinbände, glatte Taschenbücher, raues Leinen, ungeordnet eingeordnet in der nie endenden Reihenfolge ihres Erscheinens. Ihres Erscheinens in meinem Leben.

Meine Hand stockt, hat eine Lücke ertastet. Ich bin nicht so chaotisch, dass ich einfach darüber hinwegfühlen würde. Da ist etwas nach hinten gerutscht, zwischen die gewichtige Tolstoi-Gesamtausgabe und den wunderschönen Bildband über englische Gärten. Ich ziehe es heraus und in meinem Inneren beginnen Lachse über Stromschnellen zu springen. Es quirlt und wuselt, versetzt mich in einen überaus wachen, aufgeregten Zustand.

Wie lange ist das her? Ich rechne nach. Mindestens zehn Jahre sind vergangen, seit ich es zum letzten Mal in der Hand gehalten habe. Ich puste das bisschen Staub weg, das sich an diesem Platz während vieler Jahre über den Schnitt gelegt hat, und streiche über den glatten Einband, der an Chinalack erinnert. Er ist grün. Nicht einfach nur grün, nein, er hat diese unbeschreibliche, wunderbare Farbe zwischen Smaragd, Moos und Jade. Ich liebe dieses Grün!

Ich habe es zu einem Geburtstag geschenkt bekommen. Wann genau das war, kann ich gar nicht mehr erinnern. Meine liebste Freundin hat es mir damals geschenkt, und ich weiß noch genau, wie gespannt sie mich angeguckt hat, als ich es auswickelte. Ich sah sie ratlos an, denn abgesehen von dem herrlich grünen Einband, der mich begeisterte, fand ich nichts als leere Seiten.

»Es ist ein wunderschönes Buch«, hatte ich gesagt, »aber es ist leer!«

»Dann füll es!«, war ihre Antwort gewesen.

Ich hatte noch nie Tagebuch geschrieben, besaß als Schulmädchen noch nicht einmal ein Poesiealbum mit bunten Lackbildchen und abgedroschenen Sinnsprüchen. Bücher müssen gefälligst gefüllt sein mit spannenden, herzzerreißenden Geschichten, die mich entführen sollen in fremde Welten, in dunkle Abgründe und himmelhohe Traumgeschichten. Was sollte ich hineinschreiben? Mein Leben war damals völlig unspektakulär, wies keine besonderen Höhen und Tiefen auf, verlief gesittet, wie ein ruhiger Fluss in einem ausgebaggerten, begradigten Bett.

Lange blieb das Büchlein leer, diente hin und wieder als Handschmeichler ob seiner glatten Oberfläche, lag herum und landete irgendwann im Regal. Bis zu diesem Tag, an dem er in mein Leben trat. »Trat« ist nett ausgedrückt. Bei dieser Erinnerung huscht ein Lächeln über mein Gesicht. Genau genommen »trat« er nämlich die Tür ein, wirbelte meine nette Ordnung durcheinander, ließ keinen Stein auf dem anderen und baute meine Welt neu auf.

Ich setze mich mit dem grünen Buch in meine gemütliche Ecke und lese. Lese, was ich vor so langer Zeit, seit diesem Tag Anfang Oktober begonnen habe, für mich festzuhalten, und vergesse alles um mich herum bis zum frühen Morgen. Ich bin gebannt, lache, träume, weine und erlebe noch einmal Momente beklemmender Traurigkeit. Manche Einträge bestehen nur aus ein paar Stichworten, andere sind ausformuliert. Aber jedes Datum, jeder Buchstabe erinnert mich. Mein Tee wird kalt, ich trinke keinen einzigen Schluck davon, die Stumpenkerze, die ich am frühen Abend angezündet hatte, ist heruntergebrannt und erlöscht qualmend.

Morgens um vier fasse ich einen Entschluss: Ich werde es noch einmal aufschreiben! Nur anders, ganz anders. Ich werde uns neue Namen geben, denn niemand, der es zu Gesicht bekommt, soll uns erkennen!

An welcher Stelle muss ich beginnen? Ich blättere, suche, und plötzlich steht die Entscheidung fest! Natürlich: Es gab keinen Tag in meinem Leben, an dem Glück und Unglück, Himmel und Hölle, Ende und Anfang jemals dichter beieinandergelegen haben!

Eigentlich bin ich schon jetzt vollkommen übermüdet. Mein Magen ist, abgesehen von ungefähr dreihundert springenden Lachsen knurrend leer. Die Zunge klebt trocken am Gaumen.

Trotzdem klappe ich meinen Laptop auf und beginne zu schreiben.


11. September 2001

Die Sonne knallte vom wolkenlosen Mittagshimmel, als wollte sie noch einmal mit aller Kraft zeigen, wozu sie fähig war, ehe die Nordhalbkugel unweigerlich im beginnenden Herbst erkalten würde. Es war ein Tag »wie gemalt«, voll Licht, voll Freude auf den nächsten Morgen. Ihr Herz schlug ein paar Takte schneller, als das Handy läutete.

»Guten Morgen, mein Liebling!« Seine Stimme klang so nah, als könne sie ihn greifen, umarmen, seinen Duft atmen.

»›Guten Morgen‹? Wir haben hellen Mittag! Wie spät ist es bei dir?«

»Halb neun. Ich stehe hier mit Susan vor dem Eingang. Du kannst dir nicht vorstellen, was für ein grandioses Wetter wir haben! Mein Bruder wird etwas später zu uns stoßen, er ist auf dem Rückflug von Philadelphia. Dann noch die letzten Besprechungen und morgen früh bin ich zurück.«

»Grüß Susan bitte ganz herzlich von mir! Wie geht es ihr, was macht das Baby?«

»Das Baby macht abends immer witzige Beulen in ihren Bauch. Wir amüsieren uns köstlich. Ist besser als Fernsehen. Ich glaube, es will bald auf die Welt.«

»Ich halte es kaum noch aus ohne dich! Außerdem habe ich wundervolle Neuigkeiten!«

»Du machst mich neugierig! Bekomme ich wenigstens eine Andeutung, damit ich mir die Zeit im Flieger mit Rätseln vertreiben kann?

»O nein, mein Lieber! Das erzähle ich dir persönlich!«

»Du bist gemein!«

»Ich bin nicht gemein, ich liebe dich!«

»Ich liebe dich auch! Und ich freue mich so auf dich.«

»Die Nächte ohne dich sind grau-en-voll! Ich bin so froh, dass es jetzt endlich vorbei ist. Wir haben die richtige Entscheidung getroffen.«

»Ja, das haben wir! Aber du, wir müssen jetzt reingehen. Ich melde mich noch mal kurz vor dem Abflug, okay?«

»Bis nachher.«

Er hatte aufgelegt und sie stand gedankenversunken an ihrem Schreibtisch. Morgen! Morgen würde er zurückkommen. Sie riss das oberste Blatt des Kalenders ab, warf es in den Papierkorb. Morgen! Morgen war es endlich so weit. Morgen war der 12. September!


4. Oktober 2000

Der Himmel hatte noch dieses unglaubliche, klare Septemberblau. Die kühle Morgenluft roch nach vergehendem Sommer. Es war in den vergangenen Wochen hier oben an der Küste spürbar ruhiger geworden. Nur wenige Urlauber nutzten die Herbstferien, um noch einmal Sonne zu tanken und sich den frischen Nordost um die Nase pfeifen zu lassen.

Leah hatte es an diesem Morgen nicht eilig, in ihren Laden zu kommen, denn der ganz große Ansturm war früh um halb acht zu dieser Jahreszeit sowieso nicht zu erwarten. Amy, die weiße Hirtenhündin, trödelte auf dem Weg zum Hafen hinter ihr her. Die meisten Geschäfte waren noch geschlossen, nur die Backstube lockte schon mit dem Duft nach frischem Brot und knusprigen Brötchen, dem Leah nicht widerstehen konnte. Die Türglocke bimmelte, als sie eintrat und mit einem freundlichen »Moin, Moin« begrüßt wurde.

»Moin, Hedda, gib mir bitte zwei belegte Brötchen«, bestellte sie sich ein Frühstück und deutete auf ihre Auswahl.

»Gern, Leah! Sag mal, wie lange bleibst du noch? Wann macht ihr zu?«

»Ach, ich denke, Ende Oktober ist Schluss. Lohnt sich nicht mehr wirklich. Dann geht’s wieder ab ins graue Hamburg. Du hast da einen Vorteil: Brot ist nicht saisonabhängig, das kaufen die Leute immer. Du weißt ja, wir sind mit dem Yachtbedarf vollkommen auf die Urlauber angewiesen. Und meine Mutter braucht uns während des Wintergeschäftes im Teekontor immer dringend.«

»Deine Freundin Mette geht wieder mit?«

»Ja, klar. Seit sie ihre Ausbildung bei uns im Geschäft gemacht hat, gehört sie sowieso zum Inventar. Aber du weißt ja, gern gehe ich nie, das fällt mir jedes Jahr schwer.«

»Du wirst mir fehlen, Mädchen! Und unser kleiner Klönschnack am Morgen. Komm, nimm deiner Amy einen Heidesand mit raus.«

»Die wird noch ganz fett, wenn sie jeden Tag Kekse kriegt«, lachte Leah, verabschiedete sich von der Bäckerin und brachte dem begeistert wedelnden Hund den Leckerbissen vor die Tür.

Den Fußweg zum Hafen genoss sie jeden Morgen. Sie liebte es, dem Städtchen beim Aufwachen zuzusehen, die vertrauten Leute zu begrüßen, langsam die letzte Müdigkeit abzuschütteln und nach und nach auf Touren zu kommen. Leah atmete tief durch, schmeckte den kleinen Hauch von Salz auf ihren Lippen.

Höchstens noch vier Wochen, dann ist es vorbei, seufzte sie.

Als sie die Ladentür aufschloss, ließ sie sich nur gegen einen leichten Widerstand aufdrücken und Leah fluchte. »Verdammt noch mal, Mette, du blöde Kuh! Schon wieder! Was für eine Sauerei!« Im nächsten Atemzug brüllte sie die Hündin an: »Amy, bleib stehen, du verteilst ja alles im ganzen Geschäft, wenn du da jetzt auch noch durchlatschst.«

Wieder einmal hatte Mette, ihre beste Freundin und Mitinhaberin, abends ganz offenbar nach dem Wischen den vollen Putzeimer direkt hinter der Tür abgestellt und dann das Haus durch den Hintereingang verlassen. Der halbe Fußboden war überschwemmt. Der Hund hatte sich durch den Türspalt gequetscht und hinterließ nun überall nasse Pfotenabdrücke. Sie scheuchte die schuldbewusst guckende Amy in ihren Korb im winzigen Hinterzimmer und machte sich ans Aufwischen.

»Dämliche dänische Pute, der werd' ich was erzählen, wenn sie kommt!«, knurrte sie halblaut.

»Erzähl mir was!«

Leah fuhr herum, sah in Mettes verlegenes Gesicht und polterte ungebremst weiter: »Los, schwing den Wischmopp und sieh zu, dass wir den See wieder trocken kriegen, ehe das Wasser die vollen Kartons da drüben durchweicht.«

»Gerne, wenn du sofort die ›dämliche dänische Pute‹ zurücknimmst«, erklärte Mette schmollend, die Arme demonstrativ vor der Brust verschränkt.

»Was habt ihr denn hier gemacht? Wasserrohrbruch?« Kalle, der Postbote, stand in der Ladentür. »Habe eine größere Lieferung für euch. Wohin hättet ihr die Pakete gern? Und wer unterschreibt mir das hier? Die dämliche dänische Pute oder des Teufels Artgenossin?«

»Kalle, lass das!« Leah war jetzt nicht dazu aufgelegt, sich Sprüche bezüglich ihrer roten Haare und Sommersprossen anzuhören. Schon zu Schulzeiten war sie ständig damit aufgezogen worden. »Rote Haare, Sommersprossen sind des Teufels Artgenossen«, pflegten die Bengel hinter ihr her zu rufen, wenn sie sich wieder mal ziemlich unmädchenhaft, notfalls mit ihren kleinen, aber knallharten Fäusten auf dem Pausenhof durchgesetzt hatte. Die Butter ließ sie sich nie vom Brot nehmen, aber mit diesem Reim, den sie jetzt glücklicherweise kaum mehr zu hören bekam, konnte man sie immer schon zur Weißglut treiben. Im Laufe der Zeit war aus dem wirklich ziemlich gelbstichigen Karottenrot ihrer Lockenmähne ein warmer rötlicher Kastanienton geworden. Wunderbar harmonierte diese Nuance mit der silbriggesprenkelten Bernsteinfarbe ihrer Augen und machte Leah zu einer auffallenden aparten Schönheit.

Die ganz direkte Sonneneinstrahlung zur Mittagszeit musste sie wegen ihres hellen, empfindlichen Teints auch heute noch meiden, hatte aber ihre Tricks entwickelt, gegen Ende des Sommers mit einer attraktiven Hautfarbe wie Kaffee mit reichlich Milch aufwarten zu können, die sie mit viel Pflege bis in den Winter zu erhalten versuchte.

Kalle verdiente also eine kleine Kopfnuss, die er klaglos einsteckte, und bekam Anweisung, wohin er die Pakete räumen sollte. Mette hatte wütend ihre Schwedenclogs in eine Ecke gepfeffert. Mit nackten Füßen und hochgekrempelten Hosenbeinen stand sie in dem See und wrang den Wischmopp. Der dicke hellblonde Zopf war ihr aus dem Nacken gerutscht und schwang dabei wie ein Glockenpendel im Takt vor ihrem Ausschnitt.

»Habt ihr eigentlich schon gehört, Mädels, der Breckwohld hat angelegt«, verkündete Kalle. »Ihr wisst ja, ich bin in puncto Neuigkeiten noch zuverlässiger als der Friseur und vor allem tagesaktuell!«

»Der wer hat angelegt? Muss man den kennen?«, fragte Leah.

Kalle tat wissend und geheimnisvoll. »Tja, fragt den Hafenmeister, ich hab zu tun«, entzog er sich hinterhältig grinsend, stieg in sein Postauto und ließ die beiden einfach stehen.

*****

»Also was nun? Entschuldigst du dich endlich?« Mette hatte fertig gelenzt, war aber noch reichlich sauer.

»Das ist dir nun schon zum dritten Mal passiert! Ich finde, du könntest mal weniger schlampig sein. Aber okay, eine dämliche dänische Pute bist du eigentlich nicht, das nehme ich zurück«, lenkte Leah ein und bekam dafür ein ehrlich wirkendes Versprechen, künftig besser aufpassen zu wollen.

»Mal was anderes«, begann sie, um vom Thema abzulenken, »hast du eine Ahnung, wen Kalle meint? Hab den Namen noch nie gehört.«

»Nö, weiß ich nicht, aber wir könnten heute Abend mal zu Claas rübergehen. Der wird schon wissen, wer da Spannendes angelegt hat«, schlug Mette vor. »Jetzt lass uns bloß erst mal die Kisten auspacken. Bist du sicher, dass es klug war, jetzt noch so viel Ware zu bestellen? Verkaufen wir das noch vor dem Winter?«

»Da mach dir mal keine Sorgen, ich weiß, was ich tue«, entgegnete Leah und machte sich an die Arbeit.

Dass es tatsächlich in aller Regel nicht nötig war, sich Gedanken über Ladenhüter zu machen, wusste Mette. Leah hatte ein unglaubliches Geschick, sagenhafte Rabatte bei den Händlern herauszuschlagen, ständig die aktuellsten Kollektionen präsentieren und ihre Kunden glücklich machen zu können. Der kleine, schon seit Jahrzehnten eingesessene Laden bot eine schier unüberschaubare Palette unentbehrlicher und nützlicher Dinge, die Segler, Angler und Camper brauchten. Komplettiert durch eine tolle Auswahl praktischer Kleidungsstücke war er zum Einkaufsmagneten der ganzen Gegend geworden. War einmal etwas sehr Ausgefallenes nicht vorrätig, verstand Leah es immer, es spätestens binnen achtundvierzig Stunden heranzuschaffen. Mette bewunderte sie dafür. Kein Lieferant war in der Lage, ihrem Charme zu widerstehen. Es gelang ihr sogar, jeden Händler, der sonst wochenlange Lieferzeiten hatte, zum eifrigen Eichhörnchen werden zu lassen. Jeder schien besonders stolz darauf zu sein, sie beliefern zu dürfen, und ihr Netzwerk war groß und fein gesponnen.

*****

Leah hatte sich mit dem Kauf des Ladens ihren Traum von der Selbstständigkeit erfüllt. Nach dem viel zu frühen Tod ihres Vaters stand ihr ein kleines Vermögen zur Verfügung. In weiser Voraussicht hatte er schon kurz nach Leahs Geburt einen Fonds für sie angelegt, der im Laufe der Jahre reiche Früchte getragen hatte. Ganz allein wollte sie sich aber an das »Abenteuer Geschäftsfrau«, wie sie es nannte, doch nicht wagen und hatte Mette überreden können, sich mit einer kleinen Einlage zu beteiligen. Den grundsätzlichen Änderungen in Leahs Leben war damals auch die Langzeitbeziehung zu ihrem Freund zum Opfer gefallen, die zweifellos sowieso längst so fadenscheinig geworden war, dass sie nur noch auf den Schlusspunkt gewartet hatte.

Die beiden hatten nicht viel an der Einrichtung ändern wollen, sondern lieber die Verwaltung des Ladens auf den modernsten Stand gebracht. Sie waren übereingekommen, alles so zu belassen, wie es der Stammkundschaft lieb geworden war und jeden, der zum ersten Mal hereinkam, begeisterte. Über viele Jahre hatte der Vorbesitzer maritime Kleinode und skurrile Einzelstücke zusammengetragen und damit eine Atmosphäre geschaffen, die unverwechselbar war. Allein die Galionsfigur war sehenswert. Sie hatte einmal den Bug eines stolzen Seglers geziert. Der Frauenkopf war kunstvoll geschnitzt, der schlanke Körper lief in zwei Fischschwänze aus und die verblichenen Farben gaben dem Prunkstück einen morbiden, besonderen Reiz.

Im Mittelpunkt des Ladens thronte ein gewaltiger Anker. Das morsche Querholz, an dem er befestigt war, musste schon vielfach unsichtbar verschraubt werden, um dem zerstörerischen Zahn der Zeit Einhalt zu gebieten. Strandgut verschiedenster Art und unbestimmbaren Alters diente zur Dekoration und lud die Kunden zum genaueren Betrachten ein.

»MAR...«, nur drei Buchstaben trug die Planke noch, die ein untergegangenes Schiff, dessen Namen niemand mehr kannte, vom Grund des Meeres an den Strand heraufgeschickt hatte.

Bloß über das riesige Fischernetz, das die gesamte Decke zierte, hatte sich Leah schon mehr als einmal geärgert und überlegt, ob sie es nicht doch abhängen sollten. Seesterne, unterschiedliche Fische, alles von einem ortsansässigen Präparator haltbar gemacht, und diverse Muscheln aller Größen bildeten eine Art Meeresgrund über den Köpfen. Es war eine Mordsarbeit, das alles zumindest einmal jährlich zu entstauben. Bisher hatte sie sich aber letztlich immer entschieden, alles beim Alten zu lassen, denn es gehörte einfach zum Ambiente des Verkaufsraumes.

*****

Mette sah auf die Uhr. Es war schon fast acht. Sie mussten sich sputen, die vielen Kartons auszupacken und die Ware zu verstauen, bis die ersten Kunden kommen würden.

Sie öffnete eine Kiste und sah rot. Genau genommen sah sie nicht »rot«, sie sah »grün«. Flaschengrün! Und explodierte. »Hast du noch alle Tassen im Schrank, Leah? Warum zum Teufel hast du es schon wieder getan? Wer soll diese ganzen Outdoorjacken in Flaschengrün bitte kaufen?«

Leah stürzte sich entzückt auf die Kiste. Wenn sie dieses ganz bestimmte Grün sah, benahm sie sich beinahe wie eine Elster, die nicht anders kann, als alles zu klauen, was glitzerte und glänzte. Es war nicht das erste Mal, dass eine solche grüne Lieferung Mette am Geisteszustand ihrer Freundin zweifeln ließ. Des Öfteren hatte sie sich schon gefragt, ob es lediglich eine seltsame Schrulle war oder sehr viel mehr hinter diesem merkwürdigen »Grün-Fetisch« steckte. Vor noch gar nicht so langer Zeit hatte sie sich ein Herz gefasst, Leah in einer ruhigen Stunde danach zu fragen. Die Erklärungen ihrer Freundin trugen allerdings nicht wirklich dazu bei, Mettes Besorgnis zu beruhigen. Sie fand die folgenden Erläuterungen einfach ziemlich schräg.

»Du kennst doch den wundervollen alten Technicolor-Schinken ›Vom Winde verweht‹, die Geschichte aus dem amerikanischen Bürgerkrieg?«, hatte Leah gefragt.

»Klar, und?«

»Na, kannst du dich nicht erinnern, dass Scarlett diese wunderbaren flaschengrünen Vorhänge von den Fenstern ihres halb zerstörten Familiensitzes ›Tara‹ reißt, um ein großartiges Kleid daraus zu schneidern? Alles nur, weil sie zu diesem wahnsinnig umwerfenden, stinkreichen Kriegsgewinnler Rhett in den Knast will, um ihn zu umgarnen und Geld für ihre Familie zu erbitten!«

»Hm, ja schon, aber wieso ›umwerfend‹? Das blöde Macho-Arschloch hat sie doch enttarnt, weil er die Troddeln von den Vorhängen am Kleid wiedererkannte. Und dann hat er sie voll gegen die Wand laufen lassen! Sie wirft sich ihm vor die Füße und er lacht sie dämlich süffisant aus. Ich verstehe deine Begeisterung nicht.«

»Aber Mette!«, hatte Leah mit glänzenden Augen und glühenden Wangen protestiert. »Doch nur, weil er sie liebt!«

»Entschuldige, Schätzchen, du hast einen Vogel! Was kann die denn an einem finden, der sie so scheußlich behandelt? Was hat das bitte mit Liebe zu tun? Ist das jetzt die Begründung dafür, dass du ewig in Grün rumläufst? Wünschst du dir etwa so einen ›Prinzen?»

»Ach, du verstehst mich nicht ...«, hatte Leah mit einem verträumten Blick geseufzt und das Thema vorläufig beendet.

*****

»Hach, sind die schön«, strahlte Leah und nahm eine Jacke nach der anderen liebevoll aus der Verpackung. »Ich hänge sie besonders exponiert auf, damit sie jeder sofort sieht. Pass auf, die entwickeln sich zum Renner!«

»Du spinnst! Ich wette, die kannst du in allen Größen den ganzen Winter lang alleine tragen. Fang bei 38 an, hau dir ordentlich Lebkuchen und Gänsebraten über Weihnachten rein, dann bist du im Februar bei 46 angelangt!«, schimpfte Mette.

Sie sollte zu Leahs Erleichterung unrecht haben, denn bis zum späten Nachmittag waren alle unverschämt teuren flaschengrünen Outdoorjacken verkauft. Bis auf eine, die sie vorsichtshalber gleich ins Hinterzimmerchen gerettet und über der schlafenden Amy aufgehängt hatte. Ihrem Verkaufsgeschick konnte sich nicht einmal die ziemlich füllige Dame entziehen, deren platinblond gebleichte dünne Löckchen sich wie Spinnwebfäden äußerst unkleidsam über dem Stehkragen der Jacke kräuselten. Die Farbe stand ihr überhaupt nicht, und obwohl sie den Reißverschluss kaum zubekommen hatte, war sie von ihrem Spiegelbild vollkommen begeistert. Sie hatte nur etwas von »Diät machen müssen« gemurmelt und war hochbeglückt von dannen gezogen.

*****

Im Laden war den ganzen Tag lang so viel los gewesen, dass Leah nicht dazu gekommen war, mehr als ein paar eilig abgebissene Happen von ihren Frühstücksbrötchen zu essen. Der Magen hing ihr in den Kniekehlen, Amy lag seit mindestens zwei Stunden mit ziemlich »wässerigem« Blick im Körbchen.

»Kann ich dich für eine halbe Stunde alleine lassen? Der Hund muss raus!«

»Geh nur, ich schaffe den Rest auch ohne dich. Ich hatte ja wenigstens eine Mittagspause«, stimmte Mette mit einem Zwinkern zu.

Als Leah die Ladentür öffnete, während Amy sich stracks an ihr vorbeizwängte, um endlich nach draußen zu kommen, sah sie sich einem Riesenpappkarton mit Beinen gegenüber. Braungebrannten, sportlich durchtrainierten Beinen in ledernen Flip-Flops. Gerade vorhin hatte sie noch mit Mette gescherzt, der einzige Vorteil am Winter sei, dass man endlich wieder Männer in langen Hosen zu sehen bekäme. Den ganzen Sommer über den Anblick blasser, dünner, behaarter, wahlweise krebsrot schattierter, gar gelegentlich in Sportsocken plus Sandalen steckender Männerwaden ertragen zu müssen, die aus unförmigen Shorts oder Bermudas herausstaken, hielten sie beide für eine echte Zumutung. Diese Waden waren jedoch äußerst ansehnlich und gehörten definitiv einem bestimmten, herausragenden männlichen Exemplar.

»Nick!«, erkannte Leah. »Was schleppst du denn da an?«

»Geschenk für dich, Süße«, antwortete er, balancierte die Schachtel in die Mitte des Ladens und setzte sie vorsichtig neben dem morschen Anker ab.

»Guck mal rein, habe ich von einer Surfschülerin bekommen, die wohl der Meinung war, sie könnte sich damit meine hochbegehrte Zuneigung kaufen. Scheußliches Ding, aber zu dir passt es.«

»Scheußliches Ding, aber zu mir passt es? Lass sehen«, entgegnete Leah empört und öffnete den Karton. In der Tat. Scheußlich! Ein fetter präparierter Kugelfisch beachtlichen Ausmaßes.

»Den kannst du doch prima da oben ins Netz stecken. Wird sich prächtig machen«, versuchte Nick Leahs leicht säuerlichem Ausdruck zu begegnen.

»Und dafür soll ich dir auch noch dankbar sein? Schaff das fürchterliche Ding raus! Oder glaubst du etwa, du könntest dir mit solchen Geschmacklosigkeiten jetzt meine hochbegehrte Zuneigung erschleichen?« Leah war stinkig und durchaus nicht bereit, ihm nun auch noch das mit auffordernder Miene und gespitzten Lippen erwartete Begrüßungsküsschen zu gewähren.

»Ach komm schon! Ich setz ihn dir mal da oben rein und dann sehen wir, wie er sich macht«, versuchte er sie umzustimmen. Nick schnappte sich den Fisch, drapierte ihn über ihren Köpfen und alle drei kamen zu dem Schluss, dass er eigentlich gar nicht so unrecht hatte. Es passte da hin, das scheußliche Ding.

*****

Es war so eine Sache mit Nick, fand Leah. Obwohl er mit seinen achtunddreißig Jahren nicht mehr der Allerjüngste war, entsprach er dem Bild des »jugendlichen Liebhabers« zu einhundert Prozent. Groß, blond und blauäugig, das lockige halblange Haar mit einem Stirnband gebändigt, breitschultrig, ganzjahresbraungebrannt, lässig, sportlich bis zum Abwinken und ausgestattet mit einem jungenhaften Charme, wurde er von seinen weiblichen Schülern umschwirrt wie das Licht von den Motten.

Genau diesem Charme war Leah vor einiger Zeit auch mal erlegen. Und hatte seither Schwierigkeiten, seinen Besitzansprüchen wieder zu entkommen. Nicht, dass es eine unangenehme Nacht mit ihm gewesen wäre. Nicht, dass sie ihn nicht mochte. Nein, das war es nicht. Sie wurde nur einfach das Gefühl nicht los, diese Nacht mit ihrem »besten Kumpel« verbracht zu haben. Er war lieb, er war witzig und intelligent. Seine direkte Art war umwerfend. Er sah gut aus, er fühlte sich wunderbar an, er roch gut. Verdammt gut sogar! Nach frischer Luft, nach Meer, nach – ja, irgendwie nach »eisklar und glitzernd frisch«.

Vielleicht ist es das?, hatte sie sich schon öfter gefragt.

Vielleicht war es dieses glasklar durchschaubare, unkomplizierte, ständig fröhliche Wesen? So glatt und ohne jede Kante und Ecke, so ganz ohne jeden Abgrund, jedes Geheimnis. Was eine ganze Armada junger, wirklich sehr junger Strandbeautys an ihm kleben ließ wie Fliegen am Honigglas, erzeugte bei Leah ein schales Gefühl.

Irgendetwas fehlt!

Und so konnte sich Nick auf den Kopf stellen und mit den Ohren wackeln: Sie wusste, dass sie niemals auf diese in kurzen Abständen und unermüdlich vorgebrachten Anträge eingehen würde. Sie wurde das Gefühl nicht los, je länger sie sich widersetzte, umso attraktiver fand er sie. Wie eine Trophäe, die zum perfekten Erfolg noch fehlte, jagte er sie nun schon seit beinahe drei Jahren. Er hatte nur ein Problem: Seine Pfeile waren stumpf. Als hätten sie Gummipfropfen statt Spitzen. Landeten sie überhaupt, hielten sie einen kleinen Moment, um schnell wieder abzufallen, und trafen nie ins Fleisch, geschweige denn ins Herz.

*****

»Francesco hat ›dänische Wochen‹ und frischen Seeteufel bekommen. Ich wollte dich zum Essen einladen«, schlug Nick vor.

»Da kann man nicht Nein sagen«, stimmte Leah zu.

Der Italiener war der anerkannte Spezialist in Sachen Meeresfrüchte und Fischzubereitung im Städtchen.

»Aber nur, wenn du versprichst, deine Hände überm Tisch zu behalten«, warnte sie mit einem Lächeln.

»Natürlich, wie immer. Ich schwörs!«, grinste er.

»Na, diese Schwüre kenne ich«, seufzte Leah. »Tschüss dann, wir sehen uns um acht. Ich dreh jetzt erst mal eine Runde mit dem armen Hund!

*****

Der Wind hatte nachgelassen. Es herrschte Abendflaute. Leah war trotzdem froh, ihre frisch ergatterte Jacke übergezogen zu haben, denn es hatte merklich abgekühlt. Wo noch vor Wochen leicht bekleidete Touristen in Scharen über die Hauptstraße flanierten - ausgelassene Kinder mit softeisverschmierten Gesichtern an der Hand - war Ruhe eingekehrt. Die alten, kugelig geschnittenen Linden, die den Weg säumten, leuchteten wie riesige gelbe Halloween-Kürbisse.

Fast so, als wollte sie die Zeit bis zum nahen Abschied aufhalten, ging sie langsam. Amy, die zahlreiche Duftmarken zu beschnüffeln hatte, bot ihr willkommene Gelegenheiten, ab und an stehen zu bleiben und die Stimmung wirken zu lassen.

Seele baumeln lassen! Mensch, was für ein turbulenter Tag!

Die Kutter waren längst in den Hafen heimgekehrt. Nur wenige Leute standen dort, um den frischen Fisch, eingewickelt in ein Stück Zeitungspapier, direkt von den Booten heruntergereicht zu bekommen. Im Sommer herrschte zu dieser Tageszeit ein völlig anderer Andrang. Ein paar Möwen umkreisten kreischend die Schiffe. Gierig auf die Reste, die sie abstauben konnten.

Matt und träge schwappte das Wasser im Hafenbecken, leise klirrte das Tauwerk der vielen kleinen und wenigen größeren Yachten gegen die Masten. Ein Segelschiff erregte Leahs besondere Aufmerksamkeit. Groß genug, um zwei Anlegeplätze einzunehmen, nobel, mit seinem schneeweißen Rumpf, den Aufbauten aus dunklen Hölzern und blankpolierten Beschlägen, die messingfarben in der Abendsonne schimmerten.

»Schönes Schiff, nicht?« Unbemerkt war der Hafenmeister neben sie getreten.

Leah fuhr herum. „Meine Güte, Claas, hast du mich erschreckt! Ich war ganz in Gedanken. Wem gehört denn die Yacht?«

»Gehören tut die ›Helen‹ dem alten Breckwohld. Aber sein jüngster Sohn Connor ist damit unterwegs. Will einen Freund nach Dänemark bringen, hat er erzählt.«

»Breckwohld?«

Claas nickte. »Ja, das ist eine Hamburger Reederei.« Er zog an seiner Pfeife. Leah hatte ihn noch nie ohne die Bent Army gesehen, die ständig scheinbar schwerelos in seinem rechten Mundwinkel schwebte. Die Qualmwolke, die ihn heute umgab, hatte einen ungewohnten Duft.

»Sag mal, was rauchst du da für scheußlich süßliches Kraut? Weg vom kernigen Borkum Riff?«, fragte Leah.

Der Hafenmeister fixierte etwas hinter ihr. Als Leah sich umdrehte, erkannte sie, wer ihre Nase gerade getäuscht hatte. Und gewiss ihre Bemerkung nicht überhört haben konnte. Die junge Frau, die auf hohen Pfennigabsätzen den Bootssteg entlangstakste, zog eine schwere Parfumwolke hinter sich her. Leah traf ein vernichtender Blick aus dramatisch geschminkten Augen.

»Uh, Claas, wie peinlich!«, flüsterte sie und hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. »Wer ist das denn?«

»Das ist Breckwohlds derzeitige Freundin«, grinste der Hafenmeister. »Beste belgische Familie, genauso stinkreich wie seine. Passen zusammen. Bin gespannt, ob Mutter Helen ihre Pläne durchsetzt, die beiden zu verheiraten. Er soll ein ganz schöner Hallodri sein. Wird Zeit, dass er endlich ankert.«

Leah sah der hübschen Frau nach, die sich alle Mühe gab, mit ihren dünnen Absätzen nicht in die Ritzen zwischen den Bohlen des Steges zu geraten.

Wieso gibt es eigentlich Leute, die mit allen erdenklichen Vorzügen gesegnet sind? Schön, reich und wahrscheinlich sogar noch intelligent. Na ja, der Teufel scheißt eben immer auf den größten Haufen! Bloß kein Neid, Leah! Hübsch und intelligent muss mir reichen.

»Du bist ziemlich gut informiert, nicht?«, fragte sie, um einen lässigen Ton bemüht, als die Frau außer Hörweite war.

»Der Hafen ist mein Universum, seitdem ich nicht mehr zur See fahre. Von vielen, die hier anlegen, kenne ich die komplette Familiengeschichte. Die Breckwohlds sind ja nun keine Unbekannten.«

»Ich weiß doch, Claas. Aber diese Breckwohlds sind mir noch nie begegnet.«

»Na, in diesem Falle bin ich ganz froh darüber, Deern«, schmunzelte Claas. »Schau mal, der junge Casanova ist gerade an Deck aufgetaucht!«

Es gelang Leah eben noch, ein »Wow« zu verschlucken. Claas entging ihre Reaktion dennoch nicht und sie spürte, wie er sie prüfend von der Seite ansah. Amy hatte sich dicht neben sie gesetzt und erwartete, gekrault zu werden. Leah ließ sich allerdings nicht ablenken, streichelte nur mechanisch den Kopf der Hündin und konnte die Augen nicht abwenden.

Himmel, dass dem die Frauen hinterherlaufen, wundert mich gar nicht. Verdammt, ist der beeindruckend!

Gegen das Licht der tief stehenden Abendsonne erschien seine Silhouette sehr aufrecht und elegant. Jede Bewegung signalisierte Souveränität und raubtierhafte Geschmeidigkeit. Dunkel glänzend reflektierte sein Haar das Licht.

Was die beiden miteinander sprachen, war nicht zu verstehen. Aber die Art, mit der er ihr an Bord half, sie offenbar anwies, ihre Schuhe auszuziehen, um dem empfindlichen Holz an Deck keinen Schaden zuzufügen, wie er sie in die Arme nahm, zur Begrüßung küsste, sie sanft, aber bestimmt zur Kajütentür schob, wo beide für Leahs Geschmack viel zu schnell verschwanden, das hatte einfach was! Obwohl sie ihn gar nicht so genau erkennen konnte, obwohl sie eine ganz alltägliche Sache beobachtet hatte, faszinierte sie die Szene. Eben noch war die Frau hocherhobenen Hauptes den Steg entlanggegangen. Aber in dem Moment, als er an Deck aufgetaucht war, so kam es Leah vor, hatte sie anscheinend jede Selbstständigkeit abgegeben.

»Wie Wachs in seiner Hand«. Jetzt habe ich endlich eine Idee davon, was man sich unter diesem Spruch vorzustellen hat. Unglaublich! Da steht ohne Frage ein Alphatier!

Leah musste sich zusammenreißen, um ihre volle Aufmerksamkeit wieder Claas zu schenken.

»Ich habe es doch befürchtet! Den sehen die Frauen bloß von Weitem und schon stehen sie da wie die Karnickel vor der Schlange. Komm mal wieder zu dir, Leah. Der ist nüscht für dich!«, sagte Claas kopfschüttelnd.

»Oh, nein, nein, schon klar«, bemühte sich Leah, ganz unbeteiligt zu wirken. »Ein schönes Paar jedenfalls. Auffallend schönes Paar.«

»Apropos ›schönes Paar‹. Wie steht es denn eigentlich mir dir und Nick? Können wir endlich mal die Hochzeitsglocken läuten?«

»Ach, hör auf, Claas!«, seufzte sie. »Nick ist ein prima Kumpel. Und er versucht es mindestens dreimal in jeder Saison, bei mir zu landen. Aber daraus wird nie was werden!«

»Schade. Ich finde ja, ihr passt zusammen. Und es wäre so praktisch. Ihr könntet die beiden Geschäfte zusammenlegen, du müsstest nicht mehr den Winter in Hamburg verbringen. Sein Haus ist groß genug. Ihr wärt beide abgesichert.«

»Erstens kommt meine Mutter im Winter ohne mich im Kontor nicht klar, das weißt du doch. Zweitens will ich nichts ›Praktisches‹«, brauste Leah auf, »ich will was Besonderes! Und jetzt muss ich gehen, Claas, denn ich habe mit dem ›praktischen Nick‹ gleich eine Verabredung zum Abendessen.«

»Na, ich gebe die Hoffnung nicht auf. Vielleicht wird ja doch noch was draus.«

Meine Güte, was rege ich mich so auf? Claas meint es doch nur gut mit mir! Und von meinem Traummann kann der arme Kerl doch nun wirklich nichts wissen. Besser, ich krieg mich jetzt mal dringend wieder in den Griff.

»Vergiss es! Aber lieb, dass du dir über meine Zukunft so viele Gedanken machst«, sagte sie lachend. »Ich wünsche dir einen schönen Abend. Und halt man immer weiter alle interessanten Männer von mir fern!« Leah war hochzufrieden mit sich. Ganz unbeteiligt und freundlich hatte ihre Stimme geklungen. Mit einem angedeuteten Kuss auf seine bärtige Wange ließ sie den Hafenmeister stehen.

*****

Mette war mit der Tagesabrechnung bereits fertig. Sie wollte gerade abschließen, als Leah im Laden eintraf. Dicht an der Tür stand der volle Wischeimer.

»Du wirst ihn nicht wieder stehen lassen, nicht? Nein, du wirst ihn ganz sicher nicht wieder stehen lassen!«

Mette konnte unmöglich den drohenden Tonfall überhört haben. Sie beeilte sich, mit dem Eimer in dem winzigen Bad zu verschwinden. Leah war froh, einen Anlass zu haben, sich ein bisschen aufzuregen. Eigentlich wollte sie jetzt niemandem begegnen. Und sich erst einmal allein über die Empfindungen klarwerden, die sie gerade so unvermittelt aus dem Takt gebracht hatten. Mette war ihr viel zu nah, als dass sie ihr etwas hätte vormachen können. Sie wandte sich einem Ständer mit T-Shirts zu und rückte die Schulternähte auf den Bügeln zurecht, um die Freundin nicht ansehen zu müssen, als sie zurückkam.

»Wir verzeichnen einen schönen Umsatz heute, Leah! Deine grünen Jacken haben sich wirklich gelohnt. Guck mal in die Tagesbilanz. Bei den Dingern war die Gewinnmarge verdammt hoch.«

»Tja, wird nichts mit Gänsebraten und Lebkuchen, was?«, frotzelte Leah, dankbar für das unverfängliche Thema. »Hast du noch was vor heute Abend?«

»Badewanne und Bett. Ich bin k.o.« Mette hielt sich mit vielsagendem Gesichtsausdruck den Bauch.

»Ah, verstehe! Ich werde heute auch nicht alt. Nur schnell mit Nick essen gehen.«

»Du klingst nicht gerade begeistert. Stimmt irgendwas nicht?«

Man kann ihr aber auch gar nichts verbergen! Ich will darüber jetzt nicht reden. Aber Mette wäre nicht Mette, wenn sie mich nicht gleich auspressen würde wie eine Zitrone. Also, Augen zu und durch!

»Ich habe Claas getroffen.«

»Aha. Es ist das erste Mal, dass eine Begegnung mit Claas dich aussehen lässt, als wäre dir ein Geist begegnet! Der Gute kann dich ja wohl nicht derart aus der Bahn geworfen haben. Hast du etwa diesen legendären Breckwohld gesehen?«

»Allerdings.«

»Ja, und?«

Leah zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder geschäftig den T-Shirts zu, die längst schnurgerade dahingen. »Nichts und!«

»Du machst mich irre! Wenn der ›nichts und‹ wäre, hätte doch Kalle den nicht so erwähnenswert gefunden. Erzähl! Was ist das für einer?«

»Reedersohn aus Hamburg, schwerreich, tolles Boot, tolle Freundin.«

»Dreh dich doch bitte mal um, wenn du mit mir redest! Was ist denn los mit dir? Warum bist du so abwesend?« Mette wirkte alarmiert.

Leah holte tief Luft. »Ich habe ihn nur aus der Ferne gesehen, aber ...«

Mette wippte abwartend mit einem Fuß und sah sie forschend an. Langsam hatte Leah sich umgedreht.

»Na ja, ... ich hab es zwar nur von Weitem gesehen, aber wie der mit seiner Freundin umgegangen ist, das war wie im Film.«

»Oh, bitte, nein! Nicht etwa so ein Typ wie in deinem Lieblingsstreifen, oder?«

»Doch! Genau so einer! Nur eben in jung, nicht angestaubt und vor allem unwahrscheinlich sexy.«

»Dann kann ich nur hoffen, dass der schneller wieder absegelt, als der Fliegende Holländer auf Beutezug! Sonst wirst du ja völlig gaga.«

»Da mach dir mal keine Sorgen. Ich hab mich voll im Griff!«

»Ja nee, ist klar, sehe ich genauso. Du hast dich voll im Griff.« Mette konnte sich vor Lachen kaum halten. »Vergiss diesen Typen lieber ganz schnell und geh schön mit Nick essen. Da weißt du wenigstens, was du hast.«

Leah verdrehte die Augen. Es hatte keinen Sinn, das jetzt mit ihr auszudiskutieren.

»Gut, für heute nehme ich den Spatzen auf dem Dach.«

»Du bist wirklich bescheuert. Alle rennen hinter Nick her, der will nur dich und du zierst dich wie eine alte Jungfer. Jünger wirst du auch nicht, meine Süße. Die biologische Uhr tickt. Vergiss das nicht. Nicht mehr lange, und du bist alt und grau.«

Leah fand, dass Mettes Ton fast bedrohlich klang, und konterte giftig: »Du musst gerade reden. Tu doch nicht so, als wärst du ein leuchtendes Vorbild. Du vergraulst doch auch ständig alle, die sich um dich bemühen.«

»Tja, war eben noch nicht der Richtige dabei.«

»Ach. Guck mal an! Du darfst wählerisch sein und ich nicht?« Leah spürte, dass sie Oberwasser bekam. »Wen hättest du denn gern?«

Langsam begannen Mettes Wangen zu glühen. Im Kontrast zu ihrem fast weißblonden Haar hatte sie jetzt farblich viel Ähnlichkeit mit der dänischen Fahne.

Hab ich dich ertappt! Na warte, herzallerliebste Mette!

»Könnte es eventuell sein, dass dir der entzückende, praktische Nick ganz recht wäre?«

»Der will doch nur dich!«

Leah merkte, dass das jetzt ziemlich kläglich klang, und nahm sie in die Arme. Sie hätte sich ohrfeigen können ob ihrer Bemerkung.

»Oje, Mette! Wie konnte mir das bloß entgehen? Ich bin ein Elefant im Porzellanladen! Und überhaupt total unaufmerksam, egoistisch, gefühllos! Verzeih mir!«

Ein leises Schniefen an ihrer Schulter machte Leah klar, dass die Freundin offenbar schon längere Zeit etwas verborgen hatte, was ihr nicht aufgefallen war. Sie löste einen Arm von Mette, griff in ihre Hosentasche, fummelte umständlich ein Taschentuch heraus und hielt es ihr hin.

»Danke! Es muss was mit den Hormonen zu tun haben. Wenn ich meine Tage kriege, bin ich immer so schnell am Heulen.«

»Schon, aber ... mir ist nie wirklich aufgefallen, dass du Nick anders behandelt hast, als jeden anderen guten Kunden auch.«

»Konnte ich doch auch gar nicht! Kaum kommt der hier rein, schwirrt er nur um dich rum. Ich bin nicht mal sicher, dass er mich überhaupt richtig wahrnimmt. Wahrscheinlich denkt er, ich wäre so eine Art dänische Dekopuppe.«

Leah musste furchtbar lachen und war heilfroh, dass Mette einfiel, sich schließlich geräuschvoll die Nase schnäuzte und ihre Tränen trocknete.

»Ich werd ihm mal ein bisschen auf den Zahn fühlen«, sagte Leah entschlossen.

»O nein, bloß nicht! Wir sind keine fünfzehn mehr. Du kannst ihn ja schlecht fragen, ob er mit mir ›gehen‹ will!«, wehrte Mette entsetzt ab.

»Ich bin doch nicht dämlich! Lass mich mal machen. Nick wird gar nicht merken, dass ich ihn ausquetsche. Leg du dich schön hin und ruh dich aus. Ich werde es heute Abend kurz machen und komme bald nach. Sei so lieb und nimm Amy mit nach Hause.«

*****

Gemeinsam gingen sie den kurzen Weg vom Hafen in die Stadt. Es begann langsam dunkel zu werden und ein unangenehm rauer Wind pfiff durch die leeren Gassen. Mit einem Küsschen auf Mettes Wange verabschiedete sich Leah vor den Stufen, die zum Restaurant hinaufführten.

Der Wirt hatte offenbar eine etwas eigenwillige Vorstellung von »Dänischer Woche«. Leah schmunzelte über seine fantasievollen Übersetzungen typisch italienischer Gerichte in die nordische Sprache. Die kreidebeschriebene Ankündigungstafel im Eingang verhieß »Spaghetti Skinke« statt »Spaghetti Carbonara«, »Kalvekød Salvie« statt »Saltimbocca alla Romana« und »Rødspætte« für die stadtbekannte Scholle. Rotweiße Fähnchen und Girlanden zierten verschwenderisch den Aufgang. So recht wollte sie nicht glauben, dass Francesco auch nur eine Spur von Änderungen an seinen Rezepten vorgenommen hatte. Ihre Erinnerung an »indische«, »vietnamesische« und ähnliche Werbeideen Francescos sprach einfach dagegen. Die Urlauber honorierten seine »Internationalität« allerdings trotzdem immer begeistert.

Nick saß schon an einem Tisch nahe der Theke und hatte ein halbvolles Bierglas vor sich stehen.

»Ich habe gar nicht mehr auf die Zeit geachtet. Wartest du schon lange?«, fragte Leah.

»Nein, alles gut. Du bist pünktlich wie die Deutsche Bahn!«, grinste er mit einem Blick auf die Uhr.

»Der Vergleich klingt nicht gerade nach besonderer Zuverlässigkeit. Entschuldige!«

»Kein Problem! Ich warte gerne auf eine schöne Frau«, schmeichelte Nick und brillierte mit seinem Plüschteddygesicht, das Surfschülerinnen erfahrungsgemäß zu Puddingknien veranlasste.

Bei Leah konnte er damit wieder einmal nicht punkten. Die Eröffnung Mettes über ihre versteckte Zuneigung verschaffte ihr eine gewisse innere Befriedigung. Mette war einfach ihre beste Freundin und Nick ohne Frage ein  besonders liebenswerter Freund. Die beiden zusammenzubringen erschien ihr als großartige Idee und perfekte Lösung der Probleme, die sie selbst den ganzen Sommer lang ärgerten. Allerdings fehlte ihr die zündende Idee, wie sie das Gespräch in die richtige Richtung lenken sollte.

Während des ausgezeichneten Essens wurde sie immer einsilbiger, bis Nick sie forschend ansah und fragte: »Was ist los mit dir? Was überlegst du? Bist du schon mit deinen Gedanken in Hamburg oder möchtest du lieber, ehe du verschwindest, die gute Gelegenheit beim Schopf packen und mit mir darüber reden, wie wir beide endlich Nägel mit Köpfen machen können?«

Leah wurde heiß und kalt. Jetzt muss es raus!

Sie straffte sich und sah ihn entschlossen an. »Nick, wir müssen das wirklich ein für alle Mal klären! Ich bin nicht für dich gemacht und du nicht für mich. Du bist ein wunderbarer Kumpel für mich, aber ich liebe dich einfach nicht!«

Es tat ihr unendlich leid, als er förmlich in sich zusammensackte, sein erwartungsvolles Lächeln sich in einen geschlagenen Ausdruck wandelte. Beinahe hätte sie begonnen, ihren Satz zu relativieren. Sie verspürte den Drang aufzustehen, ihn in den Arm zu nehmen und zu trösten. Aber sie wusste genau, wohin das führte: Er würde es wieder nicht begreifen und neue Hoffnung schöpfen. Das wollte sie jetzt um keinen Preis. Leah wollte klar Schiff machen.

»Ist dir eigentlich gar nicht bewusst, Nick, dass du dir jetzt seit drei Jahren selbst den Weg verstellst? Und könntest du vielleicht mal die Augen aufmachen und dich umsehen? Andere Mütter haben auch schöne Töchter. Mal abgesehen von deinen Seejungfrauen kenne ich zumindest eine ganz Besondere, die sich sehr gerne mal auf deinem Radar sehen würde.«

Nick zog die Augenbrauen hoch und sah sie erstaunt an. »Wen meinst du?«

»Muss ich dich ernsthaft mit der Nase drauf stoßen?« Leah hoffte inständig, er würde selbst drauf kommen. Zu sehr erinnerte sie die Sache jetzt an Mettes Einwand vorhin, sie könne ihn schlecht fragen, ob er mit ihr »gehen« wolle. Sie hatte recht gehabt. Sehr altersgemäß war das Ganze wirklich nicht. Nervös spielte sie mit dem Fischmesser, vermied es, ihn anzusehen, bis ihr Blick ganz beiläufig auf die rot-weißen Servietten fiel, die zwischen ihnen auf dem rustikalen Holztisch lagen. An diesem Tisch hatten es offensichtlich schon eine ganze Reihe Liebespaare für nötig befunden, ihre Bekenntnisse in Form von Herzen und Initialen zu verewigen. Mit einer entschlossenen Bewegung ließ sie das Messer in eine der Servietten sausen. Senkrecht stak es vibrierend im Holz und ein leises »Gott sei Dank« entflutschte ihr, als sie sah, dass Nicks Gesichtszüge sich erhellten. Er hatte offenbar begriffen.

»Nicht im Ernst, Leah! Du sprichst von Mette?«

»Oberschnellmerker! Du hast es erfasst!«

»Aber sie behandelt mich wie Luft!«, erwiderte er skeptisch.

»Ich glaube, wir sind da alle drei einem ganz blöden Irrtum aufgesessen, Nick. Mette hat sich zurückgehalten, weil sie glaubte, ich sei in dich verliebt. Und ich habe die ganze Zeit den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen und nicht begriffen, was sie für dich empfindet.«

Er schwieg nachdenklich und Leah wurde die Situation zunehmend unangenehm. Was sollte sie nun von ihm erwarten? Dass er vergnügt umschwenken, mir nichts dir nichts seine langgehegten Vorstellungen einer zukünftigen Partnerschaft mit ihr an den Nagel hängen und sich zielstrebig für Mette umentscheiden würde? Nein, er machte es ihr nicht leicht. Er war unübersehbar verletzt.

Mit einem resigniert wirkenden Schulterzucken rief er den Wirt, um zu zahlen. Eine ungewohnte Distanziertheit schwang zwischen ihnen, die beide nicht zu überwinden in der Lage waren. Bevor sie sich in der Dunkelheit vor dem Restaurant trennten, versuchte Leah ihn freundschaftlich zu umarmen. Er drehte sich weg, wünschte ihr knapp eine gute Nacht und ging.

Sie fühlte sich hundsmiserabel. Mit gesenktem Kopf lief sie das kurze Stück nach Hause. Sie wusste, sie hatte einen endgültigen Schlussstrich gezogen. Unter gar keinen Umständen würde sich das, was sie heute Abend getan hatte, wieder reparieren lassen. Wie sollte sie in Zukunft mit ihm umgehen? Und sie wusste: Sie würde mit ihm umgehen müssen. Unvermeidlich würden zumindest die geschäftlichen Beziehungen sein. Außerdem lag ihr etwas an ihm, an seiner Freundschaft.

Lass uns Freunde bleiben! Was für ein Scheißspruch! Wie komm ich da bloß wieder raus?

*****

Es brannte noch Licht im ersten Stock des schmalbrüstigen Fischerhäuschens, das, eingeklemmt zwischen zwei größeren, die »Sommerresidenz« der Freundinnen war. Offenbar war Mette noch wach, wartete womöglich auf erfreuliche Nachrichten zum Thema Nick. Leahs Stimmung sank auf den absoluten Tiefpunkt.

Bitte, jetzt nicht auch noch Erklärungen abgeben müssen!

Sie hatte gerade den quadratmetergroßen Windfang betreten, als sie auch schon die Tür oben klappen hörte. Mit sehr wachem Gesicht kam Mette das Puppenstubentreppchen herunter und erkannte nach kurzem Stutzen den Ernst der Lage.

»Du hast es ihm gesagt!«

»Ja, ich habe es ihm gesagt. Und ich fühle mich so was von mies!«

»Wie hat er es aufgenommen?«

»Ungefähr so wie ein geprügelter Hund. Mette, es ist schrecklich!«

Es tat gut, sich einfach anzulehnen, sich aufgefangen zu fühlen und wieder einmal sicher sein zu können, die beste Freundin überhaupt zu haben.

Mit zwei gefüllten Rotweingläsern in der Hand saßen sie ein paar Minuten später in ihrem Miniatur-Innenhof an der Rückseite des Hauses. Dort war gerade genug Platz für zwei Stühle und ein Bistrotischchen. Ein einziger anspruchsloser Ilexbusch, dessen rote Früchte im stacheligen Blattgrün leuchteten, rankte an der gekalkten Wand. Er schenkte dem Plätzchen immerhin ein gewisses Gartenambiente.

»Er wird es verwinden, Leah«, begann Mette nach langem Schweigen. Ich kann nicht finden, dass du ihm unberechtigte Hoffnungen gemacht hättest. Es ist nicht deine Schuld. Ich glaube, er ist stabil genug, um schnell wieder zu sich zu kommen.«

Amy quetschte sich durch die schmale Tür. Viel mehr als Schnauze und Hals passten allerdings nicht mehr in die Enge. Das reichte ihr aber völlig, um Anteilnahme auszudrücken. Abwesend kraulte Leah den Hundekopf.

»Ich will es hoffen, Mette, denn immerhin müssen wir mit ihm zusammenarbeiten. Die Geschäfte leben ja irgendwie voneinander. Vielleicht kannst du dich in nächster Zeit darum ... also ... um ihn kümmern. Bis ein bisschen Gras drüber gewachsen ist. Dann muss er sich wenigstens nicht mehr  beklagen, dass du ihn ›wie Luft‹ behandelst.«

»Hat er das?«

Mette sah sie so strahlend an, dass Leah ihr vorsichtshalber die genaueren Zusammenhänge seiner Äußerungen verschwieg. Sie wusste: Es war verdammt dünnes Eis, auf das sie sich gerade begab. Hätte sie ihm nicht unmissverständlich Mettes Interesse deutlich gemacht, wäre wahrscheinlich gar kein Wort über sie gefallen. Viel hatte Leah nicht in der Hand, um die beiden zu verkuppeln. Und im Moment war ihr ganz klar, dass sie es in erster Linie tun wollte, um das eigene schlechte Gewissen zu beruhigen. Diese Erkenntnis, die sie als Unaufrichtigkeit den zweien gegenüber empfand, bereitete ihr noch mehr Magenschmerzen, als sie sowieso schon hatte. Mit einem Riesenschluck Rotwein spülte sie ihre Bedenken hinunter.

»Ja, hat er!«

Wenn das irgendwann mal rauskommt, erschlagen sie mich wahrscheinlich gemeinsam!

Leah war froh über die Funzelbeleuchtung. Sie wusste genau, dass Mette normalerweise in ihrem Gesicht lesen konnte wie auf einer Großbildleinwand.

»Gut!«, sagte Mette und klang so zufrieden, dass Leah das Gefühl hatte, der Fisch in ihrem Magen würde just zu neuem Leben erwachen und unter Alkoholeinfluss zum springenden Delfin mutieren, »Du kannst dich drauf verlassen, ich werde mich um ihn kümmern! Liebevoll!«

»Dann wäre das vorerst geklärt!«, sagte Leah betont zuversichtlich, stürzte den Rest Wein hinunter und schlug vor, ins Bett zu gehen, um bloß nicht mit weiteren Nachfragen konfrontiert zu werden.

Es dauerte beinahe zwei Stunden, bis der Schlaf die Oberhand über die Albernheiten der Delfine gewann.


5. Oktober 2000

Sie hatte ihn nicht kommen hören.

Leah steckte tief gebückt im untersten Bord des Regals mit Anglerzubehör. Die Beine leicht gespreizt, den Hintern herausgestreckt, sortierte sie frisch eingetroffene Aalreusen.

Das Erste, was sie wahrnahm, war ein eigentümlicher Duft von Bergamotte, Sandelholz und Amber. Dann machte sie ein leises Räuspern darauf aufmerksam, dass ein Kunde den Laden betreten hatte. Mit hochrotem Kopf kam sie aus ihrer Position hoch, drehte sich um und stand ihm nur wenige Zentimeter entfernt gegenüber. So dicht, dass der Eindruck, der sie jetzt traf, ihr das Blut umgehend wieder aus den Wangen zog. Ihre Blicke begegneten sich und Leah sah grün. Ein Grün wie vom Boden einer Champagnerfalsche. Flaschengrün!

Er ist es! Wie konnte er sich bloß so reinschleichen? Wirklich wie ein Raubtier!

Das grünübliche Quieken konnte sie sich mit Mühe verkneifen und sie versuchte, ihre Atmung, die sich nicht recht zwischen Aussetzen oder doch besser gleich Hyperventilieren entscheiden konnte, unter Kontrolle zu halten. Er war groß; sie musste zu ihm aufsehen, wenn sie sich nicht mit der Aussicht auf seinen verdammt durchtrainiert wirkenden Brustkasten zufriedengeben wollte, der in einem weißen Poloshirt steckte, von dem sie ein grünes Krokodil angrinste. Tief gebräunte athletische Arme zeugten von sportlichen Aktivitäten im Freien.

»Guten Abend, was darf es sein? Kann ich Ihnen helfen?«, brachte sie zustande und war sich bewusst, wie gepresst ihre Stimme klang, und noch viel bewusster, welchen peinlichen Anblick sie gerade geboten hatte. Er musterte sie mit ein wenig schief gelegtem Kopf.

»Guten Morgen!«

Natürlich! Es ist kaum zehn Uhr!

»Es ist nur, weil ... grün ...«, stammelte Leah und er sah sie amüsiert an.

Sie zwang sich, wenigstens bis zu seinem Kinn aufzusehen, das ein kreisrundes Grübchen - weiß der Teufel, wie man das so glatt rasiert bekam - zierte.

Noch ein Stückchen höher, aber bloß den direkten Augenkontakt vorerst meiden! Himmel, was für ein Kontrast! Dieser sinnliche Mund im Gegensatz zu dem kantigen Kinn, das von purem Durchsetzungsvermögen spricht!

»Nein, rot! Nicht grün! Ich brauche ein Gehäuse für meine Backbordlaterne«, lachte er. Sie war ihm dankbar für die geschickte Ablenkung.

Er hat es gemerkt. Und er hat mich nicht blöd auflaufen lassen. Gekonnt hätte er. Scheinbar ein echter Gentleman.

»Ah, okay, Moment. Ich habe keins da, aber ich kann es bei Hella bestellen. Morgen früh käme es mit der Post. Ist das in Ordnung?«

Leah rasselte die Worte herunter, als wäre sie auf der Flucht, und huschte ins Büro, um den Katalog zu holen. Mette war noch nicht da, sie würde diesen Kunden in dem leeren Laden also ganz für sich allein haben. Sie zog die Unterlagen aus dem Regal, blieb einen Augenblick stehen, atmete tief durch, zupfte ihr flaschengrünes Shirt zurecht und trat entschlossen zurück in den Verkaufsraum.

»Lassen Sie uns mal nachsehen, welche Form und Größe Sie brauchen«, sagte sie, nun wieder halbwegs gefasst, und wurde trotzdem das Gefühl nicht los, dass er sich gerade eher über ihre Formen Gedanken machte. Sie breitete den Katalog auf der Ladentheke aus, die jetzt als Bollwerk zwischen ihnen stand. Leah bemühte sich, ihn nicht direkt anzusehen.

Er beugte sich über den Prospekt, stützte die Hände direkt neben ihren ab, die die störrischen Seiten aufgeblättert hielten. Perfekt gepflegte Hände mit langen, schlanken Fingern, offenbar manikürt und dennoch so kräftig, dass sie durchaus mehr als einen teuren Füller halten konnten. Beinahe berührten sich Haut und Haut. Sie spürte die Wärme und war sich vollkommen sicher, dass er nicht zufällig tat, was er tat.

Mit fachmännischem Blick tippte er auf das passende Ersatzteil, wobei er scheinbar unabsichtlich ihre Hand streifte. Leah hielt noch immer den Kopf über die Broschüre gesenkt. Er sah sie sehr direkt an, und sie merkte, dass es lächerlich wirken würde, wenn sie es ihm nicht langsam gleichtäte.

»Auf welchen Namen darf ich bestellen?«, fragte sie und drehte sich, ohne sich der grünen Gefahr gleich wieder ausgesetzt zu sehen, zum Rechner um, der auf Standby neben der Kasse stand.

»Breckwohld. Connor.«

Herrgott, wie kommt man zu so einem Namen? Und wie kommt man zu solchen Augen? Ganz cool bleiben, Leah!

Sie spürte seine Blicke in ihrem Nacken. Normalerweise hasste sie dieses Gefühl, aber jetzt schien es ihr harmlos im Gegensatz zur Alternative. Konzentriert gab sie die Bestellung auf.

»Die Bestellbestätigung ist schon da! Das Ersatzteil geht noch heute Vormittag in den Versand. Kommen Sie Morgen um die gleiche Zeit, dann sind die Lieferanten durch.«

Schwungvoll wandte sie sich zu ihm um. Im selben Moment wurde die Ladentür aufgerissen und die junge Frau, die gestern den Steg entlanggestakst war, rief ungeduldig herein: »Connor, kommst du? Das Taxi wartet und mein Zug geht in einer halben Stunde. Wenn du noch lange trödelst, schaffen wir es nicht mehr.« Ihre Stimme klang ein bisschen gehetzt und sie warf die Tür unnötig heftig wieder zu, ohne seine Antwort abzuwarten.

Er schien die Ruhe wegzuhaben. »Ich segle heute Nachmittag mit einem Freund nach Dänemark rüber. So lange wird das gebrochene Gehäuse noch halten. Haben Sie vielen Dank! Wir sehen uns morgen.«

Das steht zu befürchten!, dachte Lea, die sich für den Moment vollkommen im Griff hatte und, ganz charmante Geschäftsfrau, antworten konnte: »Nichts zu danken! Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Törn.«

An der Tür drehte er sich noch einmal um, und warf ihr ein Zwinkern zu, das sie ins Mark traf.

Wie kann ein Mann so gucken können? So besitzergreifend, so entlarvend, so als wüsste er genau, dass er nur einmal mit dem Finger schnippen müsste und ich würde ihm direkt vor die Füße fallen?

Ihre letzte Wahrnehmung galt seiner muskulösen Kehrseite und sie konnte es gerade noch lassen, einen verräterischen Pfiff auszustoßen. Zweifellos: Er hatte sie beeindruckt. Und er schien das ganz genau zu wissen.

Die Tür schloss sich und das wartende Taxi fuhr davon. Zurück blieb eine winzige Spur des eigentümlichen Geruchs nach Sandelholz, Amber und Bergamotte.

Was war das denn? Ist das nur mein Grünfetisch? Kann nicht sein! Meine Güte, ich bin dreißig, eine erfolgreiche Geschäftsfrau, ich steh mit beiden Beinen auf dem Boden und dann lasse ich mich derartig aus der Fassung bringen? Leah, o Leah, dich hats erwischt! Aber natürlich, eigentlich ist der Mann genau das, wovon ich immer schon geträumt habe. Das ist ein Rhett-Butler-Typ zum Quadrat! Aber ich bin erstens keine Scarlett O’Hara und zweitens, war ja klar: Er ist besetzt!

Mette platzte, mit der Brötchentüte wedelnd, in ihre Gedanken. Sie hatte Amy mitgebracht, die sich unter Freudengekläff auf ihr Frauchen stürzte, als hätte sie sie jahrelang nicht gesehen.

»Was ist denn mit dir los? Du wirkst ja total weggetreten!« Mette schnupperte und der kaum wahrnehmbare, aber sehr ungewohnte Duft entging ihrer sensiblen Nase nicht. »Und wie riecht’s hier eigentlich? Hast du ein neues Parfum? Nicht sehr weiblich! Würde ich dir nicht empfehlen.«

»Du übertreibst! Tust ja gerade so, als wäre hier eine Parfumflasche geplatzt. Außerdem ist das nicht mein Duft, das war Connor Breckwohld«, sagte Leah träumerisch.

»Ach du ahnst es nicht! Der, der gerade mit dem Taxi los ist? Das ist Breckwohld? Was wollte der hier und warum bist du so ab von der Welt?« Mette verdrehte die Augen himmelwärts, packte Leah bei den Schultern und schüttelte sie. »Aufwachen, Schätzelein! Komm zu dir!«

»Ach, lass mich doch auch mal«, seufzte Leah und wollte eigentlich gar nicht zurück auf diese Welt. »Er hat flaschengrüne Augen!«

»Auch das noch! Du siehst aus wie ein Eichhörnchen auf Ecstasy. Hallo? Groundcontrol an Leah! Ist da noch was?«

»Gib mir Kaffee und Brötchen, vielleicht wird’s ja dann wieder«, schlug Leah vor.

»Erst wird gelüftet! Das ist ja wie ’ne Droge für dich!«, alberte Mette, riss theatralisch die Ladentür auf und stellte sie fest, ohne Rücksicht auf das »Ach schade« ihrer Freundin zu nehmen. Der letzte Hauch des Duftes verflüchtigte sich in der frischen Morgenluft.

*****

Wird sie diesem Duft wiederbegegnen? Wird sie Connor wieder begegnen? Und wenn ja: Wird Leah eine Chance haben? Leah wird mehr als nur eine Chance brauchen! Denn das Schicksal wird eines Tages alles von ihr fordern …


Ende der eBook-Leseprobe.
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